Von München zum Gardasee
Mit der Vespa 50 N Spezial über die Alpen
von Marc Pankow
Schon seit meiner Jugend in den 80ern bin ich begeisterter
Vespa-Liebhaber und fahre selbst seit einigen Jahren eine alte
Vespa 50 N Spezial aus dem Jahr 1977. Zwar ist der zumutbare
Aktionsradius mit einem 50ccm-Roller längst nicht so groß wie
mit den hubraumstärkeren Modellen, aber dafür entschädigt das
typisch italienische Lebensgefühl, die neidvollen Blicke und die
etwas andere, individuelle Art der Fortbewegung.
Dennoch: Auch mit einer kleinen Vespa strebt man im Laufe der
Jahre nach höheren Zielen und so wuchs in mir mit der Zeit
immer mehr das Verlangen, einmal mit der kleinen Vespa die
Alpen zu überqueren und nach Italien zu reisen.
Am 30.08.2011 war es dann soweit. Ich entschloss mich
spontan, mir diesen lang gehegten Wunsch zu erfüllen, nahm
mir ein paar Tage Urlaub und plante das Projekt "Mit der Vespa
nach Italien". Startpunkt war München. Ziel der Reise sollte der
Gardasee sein. Da ich mit der kleinen Vespa natürlich keinerlei
Autobahnen und Schnellstraßen befahren durfte und auch nicht
wollte, plante ich die Strecke über die Alpenpässe und durch
schöne Landschaften. Denn schließlich sollte ja der Weg das
eigentliche Ziel sein.
Und so ergab sich für meine Reise folgende Streckenplanung:
München - Bad Tölz - Kochel am See - Walchensee - Innsbruck -
Brenner - Sterzing - Penser Joch - Bozen - Trient - Riva del
Garda
Die Reise plante ich in zwei Etappen mit einer nächtlichen
Unterbrechung in Sterzing. Für die Übernachtungen wählte ich
kleine Pensionen und Gasthöfe, so dass es mir möglich war, mit
kleinem Gepäck zu reisen.
Da ich allein gefahren bin, wollte ich für mögliche technische
Ausfälle gerüstet sein, und hatte deshalb jede Menge Werkzeug,
Seilzüge, Kupplungs- und Bremsbeläge uvm. dabei - von dem
ich im Nachhinein überhaupt nichts brauchte, da die Vespa über
die komplette Reise hinweg zuverlässig ihren Dienst verrichtete.
Los geht's:
Am 31.08.2011 war es dann soweit. Gegen 10 Uhr morgens
hatte ich mein Gepäck nebst Brotzeit und Getränken verstaut
und bin los. Da ich etwas außerhalb von München wohne,
musste ich bedauerlicherweise zunächst die Stadt durchqueren,
was mich 2h Zeit kostete und zunächst meine Hoffnung
schwinden ließ, in einer verträglichen Zeit voranzukommen.
Aber schon am Ende vom letzten Vorort von München
(Grünwald) wurde ich mit herrlichem Wetter und der tollen
Landschaft rund um Bad Tölz entschädigt, so dass ich
mit einem gewissen Hochgefühl meine weitere Reise in Richtung
Italien entschlossen anging.
Da ich diese Gegend natürlich sehr gut kenne, genoss ich die
Fahrt und die Landschaft und machte gute Kilometer, so dass ich
schon nach weiteren 1,5 h den Kochelsee erreichte, der an
diesem herrlich lauen Spätsommertag ruhig dalag und sich in
seiner schönsten Pracht zeigt. Kurz angehalten um ein paar
Fotos zu machen und dann ging's schon weiter zur ersten
"kleinen" Bewährungsprobe - die Bergstraße hinaus zum
Walchensee. Abgesehen davon, dass ich mich wegen der
bergauf und bergab fahrenden Motorradfahrer sehr vorsehen
musste war es ein tolles Erlebnis und es machte sich ein
gewisses Hochgefühl breit - ich fuhr tatsächlich nach Italien! Mit
meiner Vespa!!!
Schon nach kurzer Zeit erreichte ich den Walchensee, der sich
mit herrlich grünem Wasser darbot. Ich genoss die Landschaft
und fuhr mit gemütlichen 45 km/h die Uferstraße entlang. Da
ich zu diesem Zeitpunkt bereits 3-?4 Stunden unterwegs war
und mein Hinterteil bereits von der Originalsitzbank schmerzte,
entschloss ich mich zu einer kurzen Pause am See und fand
einen herrlichen Biergarten am südwestlichen Ufer bei Einsiedl.
Gestärkt mit einer Tasse Kaffee und einem Stück
Zwetschkenkuchen ging es eine halbe Stunde später weiter über
Wallgau, Mittenwald und Scharnitz bis zur österreichischen
Grenze. Der erste Tankstopp war angesagt und ich tankte die
Vespa mit 2,5 Litern wieder voll, kontrollierte kurz die Technik.
Beweisfoto! Ich habe mit meiner kleinen Vespa tatsächlich aus
eigener Kraft das Land verlassen!!! Die Euphorie wurde mir
jedoch schon 100 Meter hinter der Grenze genommen. Eine
50er Vespa ist höchsten falls ein Straßenhindernis, welches es
nicht wert ist, einen Überholvorgang auf der Gegenspur
abzubrechen. Ich musste mich also auf völlig neue Fahrweisen
einstellen, was zumindest am Anfang stark
gewöhnungsbedürftig und für mich vor allem sehr gefährlich
schien.
Es ging weiter nach oben über lang gezogene Bergstraßen (die
die 50er sehr gut meisterte) , herrliche Landschaften und tolle
Alpenpanoramen, bis kurz vor Innsbruck. Ab da kam die erste
Herausforderung auf mich zu: Eine richtige Bergstraße mit 16%
Gefälle. Da ich keinerlei Ahnung hatte, inwieweit ich den
Trommelbremsen der Vespa vertrauen kann, bin ich im 4. Gang
mit 20 bis 30 km/h zum Leidwesen der Autofahrer und
Motorradfahrer langsam den Berg hinuntergetuckert um nach
gut 1. Stunde die Ortseinfahrt von Innsbruck zu passieren.
Innsbruck selbst war unspektakulär. Viel Verkehr, kaum
Rücksicht - ich sah zu, dass ich Innsbruck hinter mir lasse.
Da ich wusste, dass hinter Innsbruck der Brenner folgte und mir
nicht klar war, wann ich wieder tanken könnte und wie viel Sprit
die Spezial bei Bergauffahrten braucht, habe ich
sicherheitshalber noch mal vollgetankt und mich dann Mutig auf
den Weg zum Brenner gemacht um noch bei halbwegs
ordentlichem Licht mein erstes Etappenziel zu erreichen.
Die Fahr bis Brenner ging erstaunlich gut. Es ging zwar stetig
aber dennoch einigermaßen flach Bergauf, so dass ich sehr gut
die Landschaft und das knattern des 2-Takters genießen konnte.
Mittlerweile war es 18 Uhr abends geworden, die Luft hatte sich
abgekühlt und roch nach Spätsommer. Was gibt es also
schöneres, als mit der Vespa in den Sonnenuntergang zu
fahren. Kurz darauf habe ich die italienische Grenze bei
Brennero überquert. Kurze Fotosession als Beweis und dann
ging's weiter zum Endspurt.
Platsch! - Ich konnte es nicht glauben. 20 km vor dem ersten
Etappenziel stellte sich Regen ein, der mich erneut zu einer
Pause zwang um die entsprechende Kleidung anzulegen.
Kleines Gepäck
Grenze zu Italien
Penser Joch
kurz hinter München
Innsbruck
Penser Joch 2211 m
Vorschaubild klicken zum Vergrößern
Nähe Kochelsee
Kochelsee
Grenzübertritt Österreich
am Brennerpass
Grenzstein Brenner
Quartier für eine Nacht
Penser Joch Abfahrt
vor Bozen
Abfahrt ins Sarentino Tal
Ziel Gardasee
Gardasee
vor Trento
Ape in Malcesine
Gegen 20 Uhr erreichte ich dann endlich mein erstes Etappenziel,
das Wirtshaus zum Moar in Colle Isarco (Gossensass) am Brenner.
Der Wirt, der selbst einst eine 50 Spezial fuhr war von meinem
Vorhaben begeistert und bot mir direkt seine private Garage als
Unterstellmöglichkeit an. Begeistert von der kleinen Vespa erzählte
er mir einige Geschichten aus seiner Jugend und machte mir Mut in
dem er meinte, dass der unwahrscheinliche Ausfall einer Vespa in
Italien kein Problem sei.
Erledigt aber sehr zufrieden wurde ich an diesem Abend noch sehr
gut von der Wirtsfamilie umsorgt, bevor ich nach doch recht kurzer
Zeit in das Bett meiner sehr spartanischen Kammer fiel und bis um
7 Uhr durch schlief.
Ein Blick aus dem Fenster verhieß am nächsten morgen nichts
gutes. Kalt, mit Wolken verhangener, regnerischer Himmel und ein
Hinweis des Wirts, dass es letzte Woche schon das erste Ma
geschneit hat. Da ich von 30° in Italien ausging war ich für solche
Wetter natürlich nur spärlich vorbereitet. Dennoch entschloss ich
mich, nicht aufzugeben und trotz widrigen Wetters die Weiterreise
anzutreten. Nach einem ordentlichen Frühstück verabschiedete ich
mich, packte meine Vespa und fuhr nach Sterzing um die Vespa bis
zum Rand voll zu tanken, denn ich wusste, dass nun die
Überquerung eines Passes an stand.
Gesagt, getan. Kurze Zeit später stand ich mit vollem Tank am
Fuße des Penser Jochs und freute mich auf die Überquerung des
Passes.
Der Aufstieg war trotz des widrigen Wetters beeindruckend. Ein
sagenhaftes Freiheitsgefühl gepaart mit einer tollen Aussicht auf
die Südtiroler Alpen. Dementsprechend habe ich mit Zeit
genommen, und zur Schonung des kleinen Motors das eine oder
andere Mal halt gemacht um Fotos zu schießen.
Nach einer ganzen Weile erreichte ich bei Regen und ca. 4-7° den
höchsten Punkt des Penser Jochs. Da ich nur mit T-Shirt,
Sommerjacke und Regenjacke bekleidet war entschloss ich mich zu
einem außerplanmäßigen Halt im Alpenrosenhof auf 2211m Höhe
um mich aufzuwärmen und ein paar typische Südtiroler
Köstlichkeiten in Form von Speckknödeln zu essen.
Ich wurde ungläubig von den ebenfalls ansässigen Motorradfahrern
bestaunt und teilweise sogar ausgelacht, die sich nicht vorstellen
konnten, dass man mit einer kleinen 50ccm Vespa nach Italien
fährt. Ich ließ sie lachen - schließlich wussten sie nicht, was sie
verpassten.
Feldformationen und typisch italienischen Straßen. Diesen Teil der
Strecke genoss ich besonders, war er doch kaum befahren und
landschaftlich enorm reizvoll. Und auch die Vespa entfaltete
unterhalb der 2000 m wieder ihre volle Leistungskraft.
Kurz vor Bozen verabschiedete sich der Regen dann endgültig und
es wurde schlagartig sehr warm. Kurzer Stopp - Klamotten runter -
weiter geht's...
Ich musste nun quer durch Bozen. Ich kannte Bozen bisher nur als
reizvolle Stadt am Fuße der Alpen mit der schönen Innenstadt und
war ehrlich gesagt nicht auf den höllischen Verkehr eingestellt. Um
weiter zukommen musste ich einige Hauptverkehrsstraßen nutzen,
bei denen es kein Vergnügen war, mit einer 50er Vespa unterwegs
zu sein. Entsprechend schweißgebadet war ich froh, als ich nach
einer guten 3/4 Stunde die Stadt hinter mir gelassen hatte und
mich nun in Richtung Trento bewegte. Das Ziel rückte in greifbare
Nähe!
Die Fahrt nach Trento war herrlich! Nach einem kurzen Tankstopp
mit Espresso an der italienischen Bar ging es vorbei an herrlichen
Obstgärten durch die italienische Landschaft. Es war gerade
Erntezeit und die Bauern holten die Trauben für die ersten 2011er
Weine ein. Die 28° schmeichelten der Haut und der Seele und so
bin ich mit einem gewissen Glücksgefühl doch recht schnell gen
Trento gefahren. Ich erreichte die Stadt nach guten 2h und musste
dort beim Verkehr leider ähnliches durchleben wie bereits in Bozen
bis ich endgültig in Richtung Gardasee abbog. Je näher ich meinem
Ziel kam, desto euphorischer wurde ich. Nichts konnte mich jetzt
noch an der Erreichung des Ziels hindern und ich genoss die Fahrt
durch die herrliche Gegend in vollen Zügen.
Nach einem letzten Zwischenstopp um bei der enormen Hitze
etwas zu trinken ging es an diesem Tag gegen 16 Uhr weiter in
Richtung Riva. Da ich jedoch in Malcesine ein Zimmer gebucht
hatte und nun schon gute 6-?7 Stunden unterwegs war, entschloss
ich mich kurzerhand direkt nach Torbole zu fahren - das lag bereits
auf dem Weg.
GESCHAFFT! - gegen 16:30 Uhr hatte ich mein Ziel erreicht. Ich
war tatsächlich am Gardasee und zwar mit meiner eigenen Vespa.
Erschöpft aber glücklich suchte ich mir ein Cafe am Ufer und
genoss in der Nachmittagssonne einen italienischen Espresso,
bevor ich mich entlang der Uferstraße auf die letzten 20 km nach
Malcesine machte.
Dort angekommen machte ich mir zwei herrliche Tage mit der
Vespa am Gardasee, bevor ich wieder die Heimreise an nur einem
einzigen Tag antrat. Aber das ist eine andere Geschichte...
Alles in allem kann ich sagen, dass sich die Reise in jeder
Beziehung gelohnt hat und ich sie jederzeit wieder machen würde.
Meine Vespa hatte in der gesamten Zeit nicht einen Ausfall und
gerade das langsame Reisen ist ein echtes Erlebnis, weil man viel
mehr mitbekommt.
Die Italiener an sich haben sich als extrem gastfreundlich und
hilfsbereit erwiesen und da es auch in Italien nicht mehr so viele
alte Vespae gibt, hatte ich die eine oder andere freudige
Begegnung mit italienischen Landsleuten, die sich meine
Geschichte zur Tour gerne anhörten.
Somit war die Reise ein voller Erfolg und ich kann andere nur
ermutigen, sich so einen Wunsch zu erfüllen. Es lohnt sich!!!
Copyright-?Hinweis:
© 2011 Marc Pankow - Vervielfältigung, Nutzung und
Veröffentlichung nur mit Genehmigung des Autors.
Eckdaten:
Fahrzeug: Vespa 50 N Spezial (V5B3T)
Baujahr 1977
Unrestaurierter Originalzustand